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Bericht zum Vortrag von Alexander Neureuther am 12.2.2014 in Schönberg

Veröffentlicht von Hans (hans) am Feb 18 2014
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Wie sieht das Leben in Fukushima heute, fast drei Jahre nach dem Atomunfall aus?

Für die Bevölkerung in den belasteten Gebieten ist jeder Tag eine neue Herausforderung. Neben der nagenden Unsicherheit, ob ein Familienmitglied irgendwann an Krebs erkranken wird, ist es die tägliche Sorge um die Ernährung: Welche Lebensmittel stammen wirklich aus unbelasteten Anbaugebieten, wo ist vielleicht das Etikett gefälscht? Außerdem muss ständig der Aufenthaltsort der Kinder überwacht werden. Im Freien ist die radioaktive Belastung besonders hoch. Länger als eine Stunde am Tag draußen zu sein, gilt als riskant. Das führt sogar schon dazu, dass diese Kinder wegen Bewegungsmangels fettleibig werden mit den bekannten Folgen, wie z.B. Zuckerkrankheit, ein Problem, das vor Fukushima in Japan kaum eine Rolle spielte.

Die Behörden sind für die Menschen kaum eine Hilfe, sondern sorgen sogar dafür, dass nach dem Unfall teilweise haarsträubende Aktionen durchgeführt werden. Abgesehen davon, dass die Gefahr der Radioaktivität in den betroffenen Gebieten völlig verharmlost wird, wird auch damit begonnen, radioaktiv belastetes Material über das ganze Land zu verteilen. Überall werden kleine Müllverbrennungsanlagen errichtet (bezeichnenderweise vom Atomkraftwerksbetreiber Tepco), in denen radioaktiv belasteter Müll verbrannt wird. Durch den Verbrennungsprozess wird die Radioaktivität aber überhaupt nicht reduziert. Stattdessen wird sie weiträumig in der Umgebung verteilt. In den belasteten Gebieten wird der radioaktive Müll in Plastiksäcken gesammelt und ohne Entsorgungsperspektive im Freien ohne Schutz vor Witterungseinflüssen gelagert, teilweise in den Vorgärten der bewohnten Häuser. Dazu werden dilettantische Dekontaminierungsanleitungen von den örtlichen Behörden herausgegeben, die die Einwohner auffordern, ihre Häuser selbst zu bearbeiten und den anfallenden Müll im Garten zu verbrennen, wodurch die radioaktiv belasteten Materialien noch einmal mobilisiert und dadurch noch gefährlicher werden. Auch die willkürliche Handhabung der Grenzwerte für Radioaktivität, die kurz nach dem Unfall in dramatischer Weise erhöht wurden, zeigt, dass wirtschaftliche Erwägungen vor dem Schutz der Gesundheit rangieren.

Neureuter berichtete außerdem von der erschreckenden Entdeckung, dass in Minamisoma, ca. 25 km nördlich von der Unglücksstelle, schwarzes Pulver gefunden wurde, das extrem hohe Radioaktivitätswerte aufwies und die auch äußerst giftigen Elemente Uran und Plutonium enthielt. Es stammte nachweislich direkt aus Brennelementen der Fukushima-Anlage und wurde offensichtlich durch eine Explosion im Kraftwerk so weit verstreut. Diese äußerlich unscheinbare Substanz lag an einer Straße, die täglich auch von vielen Kindern auf dem Weg zur Schule begangen wird. Die zuständigen Behörden veranlassten nichts. Zu wichtig ist es offensichtlich, den Anschein von Normalität zu erwecken.

Die ständige radioaktive Belastung großer Teile der japanischen Bevölkerung wird aber erst in der Zukunft in seinem ganzen Ausmaß sichtbar werden. Ein Hi­roshima-Überlebender formulierte es so: „Die Opfer von Tschernobyl und Fukushima sind heute noch nicht einmal alle geboren.“

Wie hat es zu einem Unfall mit derart verheerenden Folgen kommen können? Die Fortschrittsgläubigkeit ließ Japan, das Land mit der höchsten Dichte an Atomkraftwerken, nachlässig mit der Sicherheit dieser extrem gefährlichen Energie werden. Ermöglicht wird dies durch die enge Verflechtung von Politik, Bürokratie, Atomkraftwerksherstellern und -betreibern, Baukonzernen, Gemeinden, Wissenschaftlern, Journalisten und organisiertem Verbrechen im so genannten „Atomdorf“. Jeder der Beteiligten profitiert von dieser Interessengemeinschaft, so dass Fehler unter der Decke gehalten und nicht öffentlich bekannt gemacht werden.

Und wie sieht es bei uns aus? Ein Unfall dieser Größenordnung kann auch bei uns nicht ausgeschlossen werden, und es ist durchaus möglich, dass sich die Situation hinterher vergleichbar darstellt. Und auch die direkten Folgen von Fukushima für uns sind durch die große Entfernung nicht bedeutungslos. Mittlerweile ist fast der ganze Pazifik durch die unendlichen Mengen an verstrahltem Kühlwasser aus dem havarierten Kraftwerk kontaminiert. Fisch aus diesen Gewässern (FAO-Fischfanggebiet 61, 67 und 77) ist auch für uns nicht harmlos. Und da die Situation in Fukushima nicht unter Kontrolle ist und es in den nächsten Jahren sicher nicht sein wird, ist noch gar nicht abzusehen, welche weiteren Folgen auch auf uns noch zukommen werden.

Die Schlussfrage aus seinen Recherchen stellt sich für Neureuter so:

Ab welchem Punkt werden die Risiken einer Technologie gesellschaftlich, wirtschaftlich und ethisch untragbar?“

Zuletzt geändert am: Feb 18 2014 um 10:33 AM

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