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Tschernobyl-Gedenkveranstaltung im Stoltenberger Dorfgemeinschaftshaus

Veröffentlicht von Hans (hans) am May 08 2013
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Hans Zorn als Sprecher der Mahnwache hob in seinen Begrüßungsworten hervor, wie wichtig die Erinnerung an die verheerenden Unfälle der Nukleartechnik sei. Projekte wie dieser Abend sind Teil der zweiten Europäischen Aktionswochen „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“, die in zehn verschiedenen Ländern durchgeführt werden. Ziel ist es, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und mensch- und naturgerechte Lösungen für aktuelle Herausforderungen zu finden.

Auch Bürgermeister Lutz Schlünsen erinnerte sich noch deutlich an die Unruhe und Besorgnis, die sich in seinem persönlichen Umkreis ausbreitete, als man vor 27 Jahren in den Tagesnachrichten von der Katastrophe in der Ukraine erfuhr. In seinem Grußwort sprach er den TeilnehmerInnen der Fukushima Mahnwache Dank aus für ihren engagierten Einsatz gegen Atomkraft und betonte, dass er auch deshalb besonders gerne das Gemeinschaftshaus zur Verfügung stelle - zumal etliche Mitglieder der Gruppe der Dorfgemeinschaft Stoltenbergs angehörten.

Der nun folgende Dokumentarfilm „Tschernobyl“ von Bernd Dost ließ für die ca. 30 BesucherInnen des Gedenkabends in dramatischen Bildern den Hergang des Unglücks wieder aufleben. Er zeigte die Verstrahlung vor Ort, das Schicksal der Feuerwehrleute und ca. 750 000 Soldaten und das Leid der an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kinder. Gleichzeitig beleuchtete er die damalige politische Lage in Deutschland, die von Vertuschung und Verharmlosung der Fakten über die Nuklearhavarie geprägt war und spiegelte die aufgewühlte Stimmung in der Bevölkerung wider.

Anschließend hatten alle Anwesenden die Möglichkeit zu einem Gespräch mit den beiden Zeitzeugen des Super-GAUs von Tschernobyl. Boris Morgun, damaliger Feuerwehrmann, wurde zwei Wochen nach dem Unglück mit seiner Brigade in die Sperrzone geschickt, um Brände in der geräumten und vier Kilometer von Tschernobyl entfernten Stadt Prypjat und insbesondere am 23. Mai 1986 einen Brand am 3. Reaktorblock zu löschen. Er wurde für seine außerordentliche Leistung mit dem „Roten Stern für herausragenden Dienst im Zuge der Verteidigung der Sowjetunion in Frieden und Krieg“ ausgezeichnet.

Josef Belapko, Absolvent der Militärhochschule und Offizier, war ab Juni 1986 vier Monate als Liquidator in der 30 km-Zone um Tschernobyl im Einsatz, leitete den Bau von Sperrzäunen und Wachtürmen und koordinierte die Evakuierung von Menschen aus den betroffenen Gebieten.

Beide Männer berichteten von unzureichender Aufklärung über die Strahlengefahr, von mangelhafter oder fehlender Schutzkleidung, nicht funktionierenden Messgeräten und von unvorstellbar heiklen Arbeitsaufträgen. Sie erzählten, dass die 50 000 Einwohner von Prypjat erst 36 Stunden nach dem Reaktorunfall evakuiert wurden und sich die Menschen in völliger Unkenntnis über die schwere radioaktive Verseuchung bis dahin natürlich auch im Freien aufgehalten hatten.

Bis heute sind bereits Tausende von Menschen an strahlenbedingten Krankheiten gestorben. Josef Belapko und Boris Morgun sind beide durch die radioaktive Belastung während ihres Einsatzes invalide geworden und wissen, dass auch die Raten von Schilddrüsenkrebs, Leukämie, Haut- und Knochenkrankheiten, Störungen des Immunsystems und genetischen Defekten bei der Bevölkerung in ihrer Heimat sehr hoch sind und dass auch in Zukunft noch unzählige Menschen an der freigesetzten Radioaktivität erkranken werden. All dies äußerten sie in knappen, bescheidenen Worten und fügten hinzu, dass sie die weitgehend hinnehmende Haltung ihrer Landsleute gegenüber der Katastrophe und ihrer Folgen bedauerten. Denn für sie steht fest: „Die Kernenergie ist nicht beherrschbar. Sie ist eine große Gefahr für alle Menschen auf der Welt. Wir müssen uns für andere Möglichkeiten der Energiegewinnung einsetzen.“

Nach dieser klaren Stellungnahme der ukrainischen Gäste begab sich die Versammlung mit Kerzen zur Festwiese am Seeufer. Hier wurde - wie an mehr als 100 anderen Orten in Europa an diesem Abend – der Opfer der Atomkatastrophen von Tschernobyl und Fukushima in minutenlanger Stille gedacht. Abschließend wurde den Anwesenden ein Zitat des russischen Schriftstellers und Philosophen Lew Tolstoi mit auf den Heimweg gegeben, das er am 25. April 1895, ungefähr 100 Jahre vor dem Desaster von Tschernobyl, in sein Tagebuch geschrieben hat – offensichtlich nach einer Begegnung mit fortschrittsgläubigen Zeitgenossen:

„… unterhielten sie sich darüber, welch materiellen Fortschritt wir in Bälde haben würden – Elektrizität und dergleichen. Sie taten mir leid, und ich sagte ihnen, ich wartete und hoffte, hoffte nicht nur, sondern wirkte tätig hin auf einen anderen, allein wichtigen Fortschritt – nicht der Elektrizität und der Luftfahrt, sondern auf den Fortschritt der Brüderlichkeit, der Einigung, der Liebe …“

U. Schulz


Die DVD mit dem Film "Tschernobyl" von Bernd Dost ist im Internet unter

http://dostshop.de/shop/article_9/Tschernobyl.html

oder bei der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein, Tel. 0431/9066-130 für 19 € zu erwerben.

Zuletzt geändert am: Aug 08 2013 um 7:02 AM

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